Angaben von Susanne Vill im Interview mit Andreas Maurer am 29.1.2021 für die Sendung „Puccini in Wien“ im SWR2 – Musik Klassik am 1.2.2021

Wie verhielten sich Puccinis in Wien aufgeführte Opern zur zeitgenössischen Wiener Musik-/theater-Moderne?

In Wien wurden von Puccinis Opern zu seinen Lebzeiten aufgeführt: La Boheme 1897, Tosca 1907, Madame Butterfly 1907, Manon Lescaut 1908, Il Trittico 1920 – Turandot nach Puccinis Tod 1926.

Um 1900 und nach dem 1. Weltkrieg sind in Wien im Musiktheater unterschiedliche Stilrichtungen virulent: Realismus, Historismus (z.B. in der Ringstrassen-Architektur) und Naturalismus – als Gegenbewegung die Moderne mit dem Symbolismus. Die Avantgarde galt 1919 bis 1939 als neue Kunstrichtung mit dem Surrealismus, Expressionismus, Futurismus und Konstruktivismus.

An der Hofoper, die traditionell viele italienische Opern im Spielplan hatte, wurden die Werke von Richard Wagner aufgeführt, 1897-1907 unter Gustav Mahler. Puccini war stark beeinflusst von Wagner; 1888 sah er bei den Bayreuther Festspielen „Parsifal“ und „Die Meistersinger“. Richard Strauss erweiterte Wagners Kompositionsstil durch die musikalische Prosa. Puccini fand „Salome“, die er in NY und in Neapel sah, interessant, obwohl ihn der „Liebestod der Heldin mit der Silberschüssel“ verstimmte. „Elektra“ lehnte er heftig ab und konnte – trotz seines Respekts für Strauss – den Werken ab dem „Rosenkavalier“ nichts abgewinnen.

Gegen Wagners mythologische Stoffe und leitmotivische Komplexität wandte sich der in Wien florierende Jugendstil und propagierte „Natürlichkeit“. Der Impressionismus suchte statt Idealen und Fantasien das darzustellen, was konkret sinnlich zu erfahren ist.

Die französische Oper der Zeit prägten Bizet, Thomas und der von Puccini bewunderte Jules Massenet. In Italien komponierten Mascagni, Leoncavallo, Giordano und Cilea veristische Opern. Puccini realisierte Aspekte des Verismo in „La Bohème“, „Tosca“, „La fanciulla del West“ und „Il tabarro“. Auch Erich Wolfgang Korngold wandte sich nach seiner veristischen Oper „Violanta“ (1916) mit „Die tote Stadt“ (1920) dem Symbolismus zu.

Das Interesse an innerseelischen Vorgängen wurde um die Jahrhundertwende von Sigmund Freuds und Artur Schnitzlers Psychologie gefördert. Alexander von Zemlinsky   Franz Schreker zeichnete in „Der ferne Klang“ (1912) und „Die Gezeichneten“ (1911–1915) psychische Porträts seiner Protagonisten.

Die musikalische Avantgarde der Zeit trieb die von Liszt und Wagner begonnene Auflösung der Tonalität voran. Der musikalische Impressionismus löste in seiner Faszination für den Exotismus die Tonalität auf und experimentierte mit fremdkulturellen Tonsystemen. Puccini bewunderte Claude Debussy‘s „Pelléas et Mélisande“ und durchsetzte seine Musik in seinen exotistischen Opern mit fremdem Klangkolorit.

In Wien erfanden Matthias Hauer und Arnold Schönberg die Zwölftontechnik. Puccini besuchte Konzerte mit Werken Schönbergs, wobei ihn vor allem die späten atonalen bzw. die zwölftönigen interessierten. Noch 1924 besuchte er die Aufführung des „Pierrot lunaire“ in Florenz. Fasziniert war er auch von Strawinskijs „Le sacre du printemps“, dessen UA er 1913 erlebte, beschrieb es allerdings als „eine Kakophonie ohnegleichen, trotzdem merkwürdig und mit Talent gemacht“.

Wie  verhielt sich Puccinis Verismo und sein Exotismus zu Werken zeitgenössischer Wiener Komponisten?

Mahler lehnte es ab, „Tosca“ aufzuführen, setzte sich aber für „Madama Butterfly“ ein und signalisierte damit eine Abkehr vom Verismo und Zuwendung zum Exotismus. Im Gegensatz zur politisch motivierten Tragödie der „Tosca“ bildet die  musikalische Schilderung von Cio Cio Sans Gemütszuständen den Kern der Oper „Madama Butterfly“.

Puccini informierte sich bei seinen Besuchen in Wien über neue Musik und auch über Operetten. In einigen davon wie „Der Zigeunerbaron“, „Gräfin Mariza“, „Die Csardasfürstin“  lieferte der österreichische Binnenexotismus des Vielvölkerstaates die Sujets.

Komponisten der „Wiener Operette“ waren Johann Straus, Emmerich Kálmán, Leo Fall, Robert Stolz, Carl Millöcker und Franz Lehár, zu dem Puccini lebenslang eine freundschaftliche Beziehung unterhielt.

Worin unterscheidet sich die Milieuschilderung in „La Rondine“ von der in anderen Opern Puccinis?

In „La Bohème“ stellt die Milieuschilderung die Armut der erfolglosen Künstler und Grisetten wie auch die Seuche der Tuberkulose aus. Einen Gegensatz bildet die turbulente Feier im Café Momus, ehe die Misere der todkranken Mimi die Tragödie beendet.

In „La Rondine“ ist Magda eine Maitresse eines reichen Herren, und die Handlung beginnt in ihrem Salon in Paris. Das Milieu erfährt noch eine prunkende Steigerung im Ballsaal des Nachtclubs Bal Bullier. Darin drückt sich das Lebensgefühl und der Anspruch der gehobenen Klasse auf Unterhaltung aus. Den Gegensatz des armen, bürgerlichen Milieus bringt Ruggero ein, der sich in Magda verliebt und mit ihr in einer Villa an der Riviera lebt, bis er seinen Vater für die Heirat um Geld bitten muss. Der Kontrast der Erwartungen seiner Mutter an den Lebenswandel ihrer Braut bringt Magda dazu, die Unvereinbarkeit ihrer Vergangenheit damit zu begreifen und Ruggero zu verlassen.

Für den spärlichen Erfolg von „La Rondine“ scheint nicht nur die zu enge Anlehnung an Verdis „La traviata“ verantwortlich zu sein. Das verweigerte Happy End wird von einer Brieflektüre eingeleitet und findet statt ohne dramatische Kontrastierung des Brautpaares mit der Mutter, deren Anspruch nur aus ihrer liebevollen Vorfreude ableitbar wird.